Wie die Bibel dem Leben angepasst wird

Dass wir die Bibel dem Leben anpassen, beschäftigt mich immer wieder sehr. Oft besteht eine große Kluft zwischen dem, was in der Bibel geschrieben ist, und unserem eigenen Leben. Jeder merkt das mehr oder weniger. Aber wie geht man damit am besten um? Leider ist die Antwort oft, die Bibel dem Leben anzupassen, um diese Kluft zu überbrücken.

Die Kluft zwischen Bibel und Leben

Zum besseren Verständnis möchte ich zuerst einmal beschreiben, wie ich diese Kluft in meinem eigenen Leben wahrnehme. Nehmen wir zum Beispiel folgenden Befehl des Herrn Jesus:

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen?, oder: Was werden wir trinken?, oder: Womit werden wir uns kleiden?
Denn nach allen diesen Dingen trachten die Heiden, aber euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles benötigt.
Trachtet vielmehr zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch dies alles hinzugefügt werden!
Darum sollt ihr euch nicht sorgen um den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Jedem Tag genügt seine eigene Plage.

Die Bibel: Matthäus 6:31-34

Diesen Abschnitt kenne ich schon viele Jahre und die Mehrheit dieser Jahre hatte ich mit diesem Vers überhaupt kein Problem. Und das war das Problem!

Mir ist lange nicht aufgefallen, was für eine Kluft zwischen meinem Leben und diesem Abschnitt liegt. Um was dreht sich mein Denken in Wirklichkeit? Was beschäftigt mich, wenn ich einmal fünf ruhige Minuten habe? Über was denke ich nach? Wenn ich zuerst nach dem Reich Gottes und Seiner Gerechtigkeit trachte, dann erfüllt das auch mein Denken. Doch wieviel war ich damit beschäftigt, meine alltäglichen Probleme zu lösen, mir neue zu schaffen und am Ende keinen Kopf mehr für so „nebensächliche Dinge“ wie das Reich Gottes zu haben? Mein Leben war ausgefüllt mit mir und meinen Problemen beziehungsweise denen meiner Familie. Aber ich hatte kein Problem mit diesem Abschnitt. Super, oder?

Heute habe ich ein Problem damit und bin froh darüber. Denn nur so weiß ich, dass das Wort Gottes mein Innerstes erreicht und mich verändert. Erst seitdem ich angefangen habe, ganz bewusst meine Probleme zu reduzieren oder nicht mehr so wichtig zu nehmen, konnte dieser Prozess beginnen. Und ganz langsam fängt es auch an, dass das Reich Gottes auch wirklich zu etwas wird, nach dem ich trachte. Trachten bedeutet konkret, dass es auf meiner inneren Prioritätenliste oben steht und ich mich für das Reich Gottes entscheide, wenn etwas anderes ebenfalls um meine Aufmerksamkeit buhlt.

Verschiedene Methoden, die Bibel dem Leben anzupassen

Nun habe ich über die letzten Jahre ganz verschiedene Ansätze kennengelernt, wie man mit dieser Kluft umgehen kann. Ich möchte das etwas beleuchten, weil mir dieses Verständnis geholfen hat, mich selbst zu hinterfragen und einen Weg aus dem Zwiespalt zu finden.

Der liberale Ansatz

Die Bibel ist in diesem Denkschema nur eine Ansammlung von Anekdoten aus verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte, die man gehörig hinterfragen muss. In der Praxis ist es so, dass die Aussagen der Bibel keinesfalls Wahrheitsanspruch haben und höchstwahrscheinlich nicht das aussagen wollen, was dort eigentlich steht.

Wenn ich diesem Denkschema folge, dann gibt es für mich keine Kluft mehr zwischen meinem Leben und der Bibel. Ich habe das Wort Gottes für mich selbst so unglaubwürdig gemacht, dass sie keinen relevanten Maßstab mehr für mein Leben darstellt. Deswegen lebe ich nach meinen eigenen Maßstäben.

Diese Herangehensweise ist nichts Neues und gab es auch schon früher. Sie ist die Vervollkommnung dessen, was bereits auf den ersten Seiten der Bibel beschrieben wird:

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere des Feldes, die Gott der HERR gemacht hatte; und sie sprach zu der Frau: Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ihr von keinem Baum im Garten essen dürft?

Die Bibel: 1 Mose 3:1

„Sollte Gott wirklich gesagt haben?“ ist eine grundlegende Frage, auf die wir Menschen immer wieder hereinfallen. Denn wenn Gott etwas sagt, dann hat Er es auch so gemeint. Er ist nicht wie wir Menschen, die wir unsere Meinung ändern oder leicht etwas sagen, was wir so dann doch nicht gemeint haben.

Der konservative Ansatz

Für die Konservativen, zu denen sich auch viele der (älteren) Evangelikalen rechnen, ist die Bibel dem Bekenntnis nach absolutes Gotteswort. Wer daran rüttelt, wird gegebenfalls scharf attackiert.

Gleichzeitig leben aber viele Konservative ein Leben, das sich nur wenig von einem durchschnittlichen bürgerlichen Leben in Deutschland unterscheidet. Dabei war das Leben Jesu alles andere als bürgerlich. Dennoch ist in dieser Denkrichtung die Nachfolge Jesu theoretisch das Maß aller Dinge. Wie kann das nun zusammengehen, da das Leben Jesu in vielem anders aussah? Vor allem Themen wie zum Beispiel ungeheuchelte (Feindes-)Liebe, Selbstverleugnung im persönlichen Leben und Genügsamkeit kommen in der Praxis viel zu kurz. Stattdessen gibt es viel Auseinandersetzung um das richtige Lehrsystem und einen leider oft fragwürdigen Umgang mit Andersdenkenden.

Wie geht nun dieses System mit der Kluft zwischen dem Wort Gottes und dem eigenen Leben um? Meine Erfahrung ist, dass diese Kluft einfach geleugnet wird. Was für einen Außenstehenden offensichtlich ist, wird von den Innenstehenden XXXXXXxnicht wahrgenommen. Durch eine umfassende Gruppendynamik bestärkt man sich in der Richtigkeit der eigenen Wahrnehmung und wird für Kritik von Außen oder auch Innen völlig unempfänglich.

Der Herr Jesus hat über diesen Zustand folgendes gesagt:

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr getünchten Gräbern gleicht, die äußerlich zwar schön scheinen, inwendig aber voller Totengebeine und aller Unreinheit sind! So erscheint auch ihr äußerlich vor den Menschen als gerecht, inwendig aber seid ihr voller Heuchelei und Gesetzlosigkeit.

Die Bibel: Matthäus 23:27

Es lohnt sich, den ganzen Abschnitt zu lesen, da dort viel über das Übel der Heuchelei gesagt ist. Das griechische Wort für Heuchelei ist dasselbe wie für Schauspielerei. Kurz gesagt ist Heuchelei alles, wo ich versuche, vor anderen Menschen oder mir selbst ein Bild von mir zu malen, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Wenn ich also jemanden nicht leiden oder sehen mag und ihn trotzdem freundlich begrüße, bin ich ein Heuchler. Natürlich soll ich jetzt nicht anfangen, andere unfreundlich zu behandeln, damit ich kein Heuchler bin. Sondern ich sollte vielmehr meine Heuchelei bekennen und Gott um echte Liebe zu jedem Menschen bitten.

Ein weiterer Grund, warum die Kluft zwischen dem Wort Gottes und dem eigenen Leben in konservativen Kreisen kaum wahrgenommen wird, ist eine verdrehte Theologie, die einfache Aussagen aus der Bibel solange erklärt, bis sie ins eigene Leben passen. Ein Beispiel gefällig?

Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der ist verpflichtet auch selbst so zu wandeln, wie jener gewandelt ist.

Die Bibel: 1 Johannes 2:6

Wenn ich dieses Wort Gottes zitiere, dann bekomme ich mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Einwände, warum das nicht so gemeint ist oder warum das nur so und so zu verstehen ist. Und am Ende solcher Einwände ist aus der Pflicht ein „Eventuell“ oder „Begrenzt“ geworden. Das finde ich nicht wahrhaftig.

Der emergente Ansatz

Da die emergente Bewegung kein einheitliches Erscheinungsbild hat, gibt es auch kein einheitliches Bibelverständnis. Dennoch meine ich, die Herangehensweise dieser Denkrichtung in die folgenden Sätze fassen zu können.

Viele Menschen, die sich dieser Bewegung verbunden fühlen, sind in einem mehr oder weniger konservativen christlichen Elternhaus groß geworden. Dabei haben sie die oben beschriebene Heuchelei kennengelernt und als sehr abstoßend empfunden. Vielleicht sind sie auch selbst Opfer von Ausgrenzung und Lieblosigkeit geworden, weil sie nicht in das Schema gepasst haben.

Trotz aller schlechten Erfahrungen mit Christen wollen sie an ihrem Glauben an einen Gott festhalten. Grundsätzlich glauben sie auch, dass die Bibel Gottes Wort ist und unterscheiden sich darin vom liberalen Denkschema. Gleichzeitig lehnen sie aber eine wörtliche Auslegung ab. Das kommt daher, dass sie diese Kluft zwischen dem Wort Gottes und dem eigenen Leben auf eine eigenwillige Art und Weise lösen. Und zwar passen sie ihr Verständnis der Bibel einfach ihrem Leben an. Sie haben diese Heuchelei aus konservativen Kreisen satt, wollen nicht heucheln und aber auch nicht ihr Leben ändern. Deswegen müssen die Ausagen der Bibel an das Leben angepasst werden.

Als Werkzeug für diese Anpassung nutzen sie die Bibelkritik der Liberalen. Dadurch haben wir bei den Emergenten also den Versuch, das liberale Denken mit dem konservativen zu vereinen. Inwieweit das möglich ist, halte ich für fraglich. Aber wir Menschen sind von Gott sehr kreativ geschaffen worden. Leider nutzen wir unseren Verstand meistens zum Widerstand gegen Gott.

Zu jener Zeit begann Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast!

Die Bibel: Matthäus 11:25

Wie das Wort Gottes verstanden und erklärt werden muss, liegt in den Händen weniger, intellektuell geschulter Führungspersonen. Der Einzelne hat leicht den Eindruck, dass er das Wort Gottes nicht mehr selbst verstehen kann, weil er es vielleicht sonst wörtlich versteht und nicht die „Bedeutung dahinter“ begreift. Dabei hat Gott Sein Wort und Sein Evangelium extra so gestaltet, dass es den Weisen und Klugen verborgen und den Unmündigen geoffenbart wird.

Deswegen kann ich nur jeden ermutigen, im Vertrauen auf einen guten Gott die Bibel zu lesen. Wenn Gott gut ist und uns wirklich liebt, dann lässt Er den, der aufrichtig sucht, nicht in die Irre gehen. Und man braucht dafür keine Weisen und Gelehrten, die ihren eigenen Verstand zum Maßstab von Richtig und Falsch erhoben haben. Vertraue ganz schlicht auf folgendes Versprechen von Jesus Christus:

Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan! Denn jeder, der bittet, empfängt; und wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird aufgetan.

Die Bibel: Matthäus 7:7-8

Wenn wir die Wahrheit von ganzem Herzen suchen, wird Gott sie uns offenbaren.

Wie ich die Kluft überbrücke

Oben habe ich bereits geschrieben, wie ich in einem konkreten Beispiel mit der Kluft umgehe. Zuerst einmal bin ich froh, wenn ich es überhaupt wahrnehme, dass mein Leben nicht dem Wort Gottes entspricht. Das ist für mich Gnade. Denn nun kann ich mich darum bemühen, dass mein Leben sich ändert. Ich mache das zu meinem Gebet und treffe konkrete Entscheidungen, die meinem Leben eine andere Bahn geben. Stück für Stück kann ich so eine neue Richtung einschlagen, die mich in die Nachfolge Jesu Christi bringt.

Das Ziel ist es, dass es am Ende gar keine Kluft mehr gibt. Die Kluft darf aber nicht verschwinden, weil ich die Bibel meinem Leben entsprechend auslege, sondern weil sich mein Leben tatsächlich verändert hat. Das überprüfe ich immer wieder, indem ich das Wort Gottes als Maßstab für gut und richtig lese. Also: Das Leben der Bibel anpassen und nicht umgekehrt!

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